08. Jul 2010
Stabile Renovierung
Sanitärbranche: Keine Krise im Inland / Auslandsprobleme treffen Industrie / Moderates Umsatzminus 2009 / Wachstumsprognose für 2010 / Aktuell „zwischen Hoffen und Bangen“ / Bad: Aufgeschlossene Bundesbürger / Wohnungen „demographisch“ erneuern / Haus- und Gebäudetechnik: Konstante Mitarbeiterzahlen / Weiterbildung im Fokus
Bonn – (vds) Die mittelständisch geprägte Sanitärbranche hat das Krisenjahr 2009 per saldo „unerwartet gut gemeistert“. 2010 rechnet sie wieder mit einem leichten Wachstum. So beschreibt die Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) die Quintessenz des vom ifo-Institut vorgelegten Branchenberichtes. Danach sank der konsolidierte Gesamtumsatz von Industrie, Fachgroßhandel und Fachhandwerk 2009 lediglich um 3 % auf 16,1 Mrd. Euro (nach 16,6 Mrd. Euro). Zu verdanken sei das aber ausschließlich dem „robusten Inlandsmarkt“, für den sogar ein geringes Plus von 0,8 % (13,2 Mrd. Euro nach 13,1 Mrd. Euro) zu Buche stehe. Dagegen brachen die Verkaufserlöse im Ausland mit einem Minus von 17,1 % (2,9 Mrd. Euro nach 3,5 Mrd. Euro) drastisch ein. Der starke Rückgang traf laut VDS-Geschäftsführer Jens J. Wischmann in erster Linie die knapp 230 Industriefirmen, während sich für Großhandel und Handwerk ihre überwiegende Inlandsorientierung positiv bemerkbar machte. Insofern habe sich die weltweite Rezession auf die drei Marktstufen völlig unterschiedlich ausgewirkt.
Für 2010 sei in der Branche auf Basis der aktuellen ifo-Schätzung ein moderates Umsatzplus von nominal etwa 2,5 % auf 16,5 Mrd. Euro möglich. Mit fast 7 % erhole sich das Auslandsgeschäft zwar überproportional, erreiche mit prognostizierten 3,1 Mrd. Euro jedoch „gerade einmal“ das Niveau von 2006. Es werde wohl „mindestens“ bis 2012 dauern, bis das durch die tiefgreifende internationale Immobilienkrise verlorene Volumen wieder kompensiert sei.
Kontinuierlicher verlaufe die Entwicklung im Inland. Das beruht, so der Dachverband, im Wesentlichen auf der auch künftig entscheidenden Stabilität privater Badmodernisierungen, mit denen man seit Jahren 70 bis 80 % des Umsatzes erziele. 2010 sollen die Verkaufserlöse im Heimatmarkt insgesamt um rund 1,5 % auf 13,4 Mrd. Euro steigen.
Konjunktur ohne klaren Trend
Unstrittig sei, dass das Bad bei den Bundesbürgern im Allgemeinen sowie bei Bauherren und Hauseigentümern im Besonderen eine „hohe Wertschätzung“ genieße. Das bestätige aktuell das Resultat einer bundesweiten Internetumfrage. Danach stufen 94 % der ca. 70.000 Teilnehmer das Bad als Entspannungsort im Vergleich zu anderen Wohnungsräumen als „relativ wichtig“ und 5 % sogar als den „wichtigsten Raum überhaupt“ ein. Daraus lasse sich u. a. eine prinzipiell vorhandene Investitionsbereitschaft und damit die Aufgeschlossenheit der Haushalte für kompetente Angebote ableiten. Für Wischmann beweisen Themen wie Bad und Wohlbefinden, Bad und Hygiene, Bad und Gesundheit, Bad und Barrierefreiheit sowie Bad und Ressourcenschonung die konkreten Erfolgschancen einer engagierten Verbraucheransprache. Dafür sorge z. B. der „Tag des Bades“, den die Branche in diesem Jahr am 18. September in Deutschland veranstalte.
Gegenwärtig fehle es in der Sanitärwirtschaft aber an einem klaren konjunkturellen Trend. So zeige das nach dem Vorbild des generellen Geschäftsklima-Index monatlich erhobene ifo-Barometer für Juni 2010 wieder eine skeptischere Stimmung der Betriebe sowohl bei der Erwartungs- als auch bei der Lage-Komponente. Insgesamt bewege sich die konjunkturelle Einschätzung damit noch leicht im positiven Sektor. Wischmann: „Momentan pendeln wir zwischen Hoffen und Bangen.“
Ressortdenken überwinden
Unabhängig von kurzfristigen Entwicklungen wolle sich die Sanitärwirtschaft bei zentralen Grundsatzthemen stärker zu Wort melden. Dazu gehöre die Diskussion über Struktur und Folgen des sich immer mehr beschleunigenden demographischen Wandels. Seine Bewältigung sei im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP ausdrücklich erwähnt. Die „dringenden Weichenstellungen“ gingen jedoch weit über die Zuständigkeit eines einzelnen Ministeriums hinaus. Deshalb halte die Branche ressortübergreifende Initiativen schon im Interesse der erforderlichen Planungssicherheit für unverzichtbar. Gleiches gelte im Übrigen für die Länderebene.
Zu den wichtigen Konsequenzen des demographischen Wandels zählten altersgerechte Wohnungen. Dabei spielten soziale, gesellschaftliche und ökonomische Aspekte gleichermaßen eine wesentliche Rolle. Ziel müsse es sein, älteren Menschen so lange wie möglich eine selbstbestimmte Lebensführung in den eigenen vier Wänden zu gewährleisten. Die Anpassung des Wohnungsbestandes an die damit verbundenen speziellen Bedürfnisse habe daher Priorität. Von entscheidender Bedeutung seien dabei barrierefreie bzw. -reduzierte Einrichtungen.
Gerade im Badbereich mit seiner hohen Relevanz für Funktion, Hygiene und Wohlbefinden gebe es nach wie vor ein großes Verbesserungspotenzial. Deshalb begrüße die Sanitärwirtschaft u. a. die ab 01. Mai 2010 wirksame Ergänzung des KfW-Förderprogrammes „Altersgerecht Umbauen“ um eine Zuschussvariante. Die direkte Erwähnung der Anpassung von Bädern korrespondiere in der Sache sinnvoll mit der Vorgabe, dass die entsprechenden Arbeiten von Fachbetrieben erledigt werden müssten. Per saldo plädiere die VDS intensiv dafür, neben der energetischen Sanierung von Wohngebäuden auch ihre „demographische“ Erneuerung bzw. Modernisierung in den Vordergrund zu rücken.
Starke Position in Europa
In der kompletten haus- und gebäudetechnischen Branche, die neben dem Sanitärsektor die Wirtschaftszweige Heizung, Klima und Lüftung umfasst, verringerte sich der konsolidierte Gesamtumsatz 2009 laut ifo ebenfalls moderat um 3 % auf 38,6 Mrd. Euro (nach 39,8 Mrd. Euro). Analog zur Entwicklung in der Sanitärsparte stehe einem Inlandsplus von 1,3 % (31,4 Mrd. Euro) ein um gut 18 % auf 7,2 Mrd. Euro geschrumpftes Auslandsgeschäft gegenüber. Für 2010 sei ein Umsatzwachstum von ca. 2,5 % (Inland: + 2 %, Ausland: + 6 %) auf dann 39,6 Mrd. Euro zu erwarten. Die Stärke des heimischen Haustechnik-Marktes werde außerdem im europäischen Vergleich sichtbar. Neben Deutschland habe es 2009 nur in der Schweiz keine Umsatzeinbußen gegenüber 2008 gegeben.
Ein relativ erfreuliches Bild zeige sich beim Blick auf die Mitarbeiterzahlen. Danach dürfte die gesamtwirtschaftliche Krise in der Haus- und Gebäudetechnik kaum Arbeitsplätze kosten. Vielmehr könne sich die Zahl der Beschäftigten in den über 50.000 Industrie-, Großhandels- und Handwerksunternehmen 2010 vermutlich mit 406.000 praktisch auf dem Niveau von 2008 (408.000) behaupten.
Wischmann befürchtet sogar einen verschärften Fachkräftemangel in den nächsten Jahren. Die Branche müsse alles dafür tun, die Attraktivität ihrer vielfältigen Zukunftsberufe adäquat zu vermitteln. Es gelte, primär durch eigene Anstrengungen engagierte Mitarbeiter zu finden und konsequent zu qualifizieren. So arbeite die VDS derzeit an einem ganzheitlichen Badweiterbildungs-Konzept.
Bildtexte
Bewertung: Die mittelständisch geprägte Sanitärbranche hat das Krisenjahr 2009 nach Aussage ihres Dachverbandes per saldo „unerwartet gut gemeistert“. Zu verdanken war das ausschließlich dem sogar leicht positiven Inlandsgeschäft. Dagegen brachen die Verkaufserlöse im Ausland drastisch ein. Für 2010 rechnet die Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) insgesamt wieder mit einem geringen Wachstum.
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 3043
Gegenbewegung: Nach einer Erholung in den letzten Monaten weist das ifo-Konjunkturbarometer für die Sanitärbranche im Juni 2010 wieder eine skeptischere Einschätzung der Betriebe aus. Kommentar der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) zu dem unklaren Gesamttrend: „Momentan pendeln wir zwischen Hoffen und Bangen.“
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 3042
Saldo: Die haus- und gebäudetechnische Branche, die die Wirtschaftszweige Sanitär, Heizung, Klima und Lüftung umfasst, konnte ihr Umsatzminus 2009 auf 3 % begrenzen. Nach ifo-Erhebungen verliefen die Entwicklungen des Inlands- und Auslandsgeschäftes dabei extrem unterschiedlich. Im laufenden Jahr soll es der Prognose zufolge durchgängig ein (leichtes) Plus geben.
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 3044
Stabilität: Die gesamtwirtschaftliche Krise schlug in der Haus- und Gebäudetechnikbranche praktisch nicht auf die Beschäftigungssituation durch. Vielmehr dürfte sich die Zahl der Mitarbeiter 2010 nach Erhebungen des ifo-Institutes etwa auf dem Niveau von 2008 behaupten.
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 3045
Kontinuität: Die Zahl der Industrie-, Fachgroßhandels- und Fachhandwerksunternehmen im Wirtschaftszweig Haus- und Gebäudetechnik bewegt sich nach wie vor in einem engen Korridor. Auch 2009 und 2010 liegt sie nach ifo-Schätzungen insgesamt bei über 50.000.
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 3046
Ausnahme: Nur der deutsche Haustechnikmarkt konnte 2009 sein Umsatzniveau halten. In allen anderen „Grafik-Ländern“ kam es dagegen nach ifo-Berechnungen zu mehr oder minder kräftigen Rückschlägen.
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 3047
Spuren: 2009 machte die globale Immobilienkrise auch in Europa richtig „ernst“. Das Wohnungsbauvolumen ging praktisch überall erheblich zurück. Einziger Lichtblick: das unveränderte Niveau in Deutschland.
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 3048
Sturzflug: Innerhalb von zwei Jahren wurde aus dem Boomland Spanien zumindest beim Wohnungs-Neubau der große Verlierer. Aber auch in anderen europäischen Ländern kennt der Markt seit 2008 nur eine Richtung: abwärts.
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 3049
Stabilisator: Nur dem Renovierungssektor war es zu verdanken, dass die europäischen Wohnungsbaumärkte 2009 nicht komplett einbrachen. So lautet das Fazit entsprechender Euroconstruct-/ifo-Ermittlungen. Auch 2010 dürften die Bestandsinvestitionen (noch) Schlimmeres verhindern.
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 3050
Unterschiede: Die gesamtwirtschaftliche Rezession bewirkte in der Sanitärbranche eine konträre Entwicklung, betont Jens J. Wischmann. Der Geschäftsführer der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS): „Während Großhandel und Handwerk von ihrer überwiegenden Inlandsorientierung profitierten, litt die Industrie unter der ausgeprägten Auslandsschwäche.“
Foto: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) Bild 641