Demografie als Treiber
Warum das barrierefreie Bad zum Standard werden muss
Foto: HEWI
Eine aktuelle Meldung des Statistischen Bundesamtes liefert eine Zahl, die die Sanitärbranche aufhorchen lassen sollte. Auf den ersten Blick ist sie eine Warnung vor dem Arbeitskräftemangel – weitergedacht eine starke Marktprognose für die Sanitärwirtschaft.
Bis 2040 werden rund 13,3 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren überschritten haben – das sind 30,0 Prozent aller heute am Arbeitsmarkt verfügbaren Menschen. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer verschiebt sich die Altersstruktur der Gesellschaft massiv. Was als arbeitsmarktpolitische Nachricht daherkommt, ist in Wahrheit auch eine Botschaft für jeden, der Bäder plant, baut oder ausstattet.
Eine Gesellschaft, die im eigenen Zuhause älter wird
Die 55- bis 59-Jährigen stellten 2025 mit 5,5 Millionen die meisten Erwerbspersonen aller Altersgruppen. Zusammen mit den 60- bis 64-Jährigen kamen sie auf 10,0 Millionen. Diese Menschen gehen in den kommenden eineinhalb Jahrzehnten in den Ruhestand. Dabei bleiben sie, anders als frühere Generationen, im Schnitt deutlich länger gesund, mobil und anspruchsvoll. Sie werden ihren Lebensabend nicht in Pflegeheimen verbringen wollen, sondern in den eigenen vier Wänden. Das Stichwort heißt „Ageing in Place“ – möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben.
Der Engpass dabei ist selten das Wohnzimmer. Es ist das Badezimmer. Genau hier, zwischen rutschigen Fliesen, hoher Duschwanne und enger Tür entscheidet sich, ob ein Zuhause altersgerecht ist oder zur Stolperfalle wird.
Vom Nischenprodukt zum Massenmarkt
Lange galt das barrierefreie Bad als Sonderlösung für Pflegebedürftige – funktional, klinisch, ungeliebt. Diese Zeit ist vorbei. Die demografische Entwicklung verwandelt einen vermeintlichen Spezialmarkt in ein breites, bedarfsorientiertes Angebotsspektrum mit dem Pflegebad an der Spitze, in dem vor allem das altersgerechte Bad an Attraktivität gewinnt – die Nische wird zum Mainstream. Wenn binnen 15 Jahren fast ein Drittel der Erwerbsbevölkerung das Rentenalter erreicht, dann wächst die Nachfrage nach bodengleichen Duschen, unterfahrbaren Waschtischen, durchdachten Greifzonen und intelligenter Beleuchtung nicht linear, sondern strukturell.
Hinzu kommt: Der bereits sichtbare Trend, dass Ältere länger erwerbstätig bleiben – der Anteil der über 55-Jährigen an den Erwerbspersonen stieg im letzten Jahrzehnt von 20,7 Prozent (2015) auf 27,0 Prozent (2025) –, bedeutet zugleich, dass diese Gruppe über Kaufkraft verfügt. Sie investiert in Qualität, nicht in Notlösungen.
Konsequenzen für Industrie, Handel und Handwerk
Für die SHK-Branche ergeben sich daraus drei zentrale Schlussfolgerungen:
- Design statt Defizitkompensation: Barrierefreiheit darf nicht aussehen wie ein medizinisches Hilfsmittel. Die Babyboomer akzeptieren keinen ästhetischen Bruch. Erfolgreich wird, wer Sicherheit und Komfort unsichtbar integriert – Universal Design statt Sonderbau. Der Haltegriff, der wie ein Handtuchhalter wirkt; die Sitzbank, die als Designelement durchgeht.
- Vorausschauend planen: Wer heute renoviert, will sein Bad für die nächsten 20 bis 30 Jahre fit machen. Bodengleiche Duschen, ausreichende Bewegungsflächen und stabile Wandvorbereitungen für spätere Nachrüstungen sollten zum Planungsstandard werden, lange bevor der Bedarf akut wird. Vorausschauende Beratung ist hier ein echter Wettbewerbsvorteil.
- Fachkräfte und Beratung: Die Destatis-Zahlen weisen auf einen zweiten Effekt hin: Auch dem Handwerk gehen Fachkräfte verloren. Steigende Nachfrage trifft auf knapper werdende Kapazitäten. Wer Beratungskompetenz rund um Förderung (KfW, Pflegekassen), Normen (DIN 18040-2) und durchdachte Produkte bündelt, sichert sich Marktanteile.
Die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes sind auf den ersten Blick eine Warnung vor dem Arbeitskräftemangel. Doch dahinter versteckt sich auch eine dynamische Marktprognose für die Sanitärwirtschaft. Das barrierefreie Bad ist kein Pflegethema mehr – es ist die logische Antwort auf eine alternde, kaufkräftige und selbstbestimmte Generation. Wer es heute als Designaufgabe begreift, gewinnt morgen den Markt.
Jens J. Wischmann, Geschäftsführer Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft e. V.
Datengrundlage: Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung vom 23. Juni 2026, auf Basis von Erstergebnissen des Mikrozensus 2025.