Altersgerechte Wohnungen

Veröffentlicht am 11. Oktober 2020
Altersgerechte Wohnungen

Foto: Shutterstock ©goodluz

Immer mehr Deutsche sind alleinstehend und das besonders im Alter. 93 % der Bevölkerung ab 60 Jahre leben in „normalen“ Wohnungen und möchten das auch so lange wie möglich tun. Die problemlose Verwirklichung dürfte zumindest derzeit jedoch schon an der Ausstattung der eigenen vier Wände scheitern. Das liegt zum einen am hohen Alter des Wohnungsbestandes in Deutschland, zum anderen an der mangelnden Bautätigkeit. Wissenschaftler warnen daher: Deutschland hat zu wenig altersgerechte Wohnungen und steuert auf ein massives Alters-Wohnproblem zu.

Es muss sich daher schnellstmöglich für die neue Rentner-Generation umbauen. Bislang waren kaum verlässliche Zahlen verfügbar, wie viele Haushalte mit Personen der Altersgruppe 65 plus in barrierefreien bzw. -reduzierten Wohnungen leben. Der Mikrozensus 2018 gibt erstmals Anhaltspunkte – und den Kritikern damit wohl recht.

Während 1991 noch 35,3 Mio. private Haushalte in Deutschland registriert wurden, kletterte die Zahl kontinuierlich auf 41,4 Mio. im Jahr 2018. Darunter hatten Einpersonenhaushalte mit 42 % den größten Anteil. Aktuell leben somit schätzungsweise 17,3 Mio. Menschen oder ca. jede fünfte Person in Deutschland in einem Einpersonenhaushalt. Hierdurch ist die Zahl seit 1991 um 46 % gestiegen. Über 8 Mio. der Menschen, die diese Wohn- und Lebensform wählten, sind 65 Jahre und älter.

In dem Zusammenhang interessant: Rund 1,67 Mio. Personen im Alter von 70 bis 74 Jahre wohnen zur Miete, was einem Anteil von rund 40 % in dieser Altersgruppe entspricht. 93 % der Bevölkerung ab 60 Jahre leben in Deutschland in „normalen“ Wohnungen, nur 7 % sind in besonderen Wohnformen untergebracht wie Heimen (4 %), betreutes Wohnen (2 %), Pflegewohngruppen, Gemeinschaftswohnungen (jeweils unter 1 %) oder speziellen Altenwohnungen (1 %).

Beliebte Alternative: Betreutes Wohnen

Neuesten Erkenntnissen zufolge will und wird eine alternde Gesellschaft wohl anders wohnen: Die meisten Menschen möchten so lange wie möglich in der eigenen Wohnung (genauer: in ihrem bisherigen Zuhause) oder zumindest in einem Umfeld mit Privatsphäre leben und ggf. gepflegt werden. Wenn das jedoch nicht möglich sein sollte, weil die bisherige eigene Wohnung nicht alters- und pflegegerecht ist, dann wählen Betroffene vermehrt betreutes Wohnen als Alternative. Damit zählt diese Sonderwohnform zu den zweithäufigsten in Heimen. (vgl. Schaubild unten)

Altersgerechte Wohnungen
Grafik: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS)

 

Die Seniorenhaushalte in Deutschland weisen knapp hinter den „60- bis unter 65-Jährigen“ die höchste Eigentümerquote auf. Während von allen Haushalten lediglich 44 % im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung leben, sind es bei den Senioren fast 55 %. Dabei handelt es sich zu 80 % um Einfamilien- bzw. Zweifamilienhäuser (58,5 % bzw. 21,4 %). Die restlichen 20 % sind Gebäude mit drei und mehr Wohnungen. Mit Fokus auf das Baujahr wohnen von allen Haushalten 14,3 % in Gebäuden, die erst 1991 oder später errichtet wurden. Bei den Seniorenhaushalten liegt der Anteil bei den Eigentümerhaushalten bei nur 5,9 % und auch bei den Mieterhaushalten bei lediglich 8,6 %.

Somit bewohnen Seniorenhaushalte überwiegend ältere Wohngebäude. Schon 2011 hieß es dazu aus dem damaligen Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung: „Selbstgenutztes Wohneigentum oder Mietwohnungen befinden sich dabei überwiegend in älterer Bausubstanz. Viele der Gebäude sind weder barrierefrei noch barrierereduziert. Sie weisen zahlreiche Hindernisse zur und in der Wohnung auf. Gerade in den Bädern sind altersgerechte Maßnahmen notwendig, um Stürze und Unfälle zu vermeiden.“

Barrierefreie Wohnungen: 2,9 Mio. bis 2030 benötigt

Eine Studie aus dem Jahr 2016 besagt, dass 12,1 Mio. bzw. 65,3 % der Wohngebäude vor 1979 errichtet wurden. Das sind knapp zwei Drittel des Wohngebäudebestandes in Deutschland. 26,7 Mio. bzw. 68,1 % der Wohnungen und daher mehr als ein Drittel des Wohnungsbestandes stammen aus der Zeit vor 1979. Im gesamten Bundesgebiet gab es 2013 rund 700.000 Wohnungen, die als weitestgehend barrierefrei (altersgerecht) einzustufen sind. 

Das zeigt, dass für die große Mehrheit älterer Menschen mit zunehmendem Alter und körperlichen Einschränkungen die Voraussetzungen für ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben im vertrauten Wohnumfeld unter dem Aspekt der Barrierefreiheit zu dem Zeitpunkt nicht gegeben waren. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Bis zum Jahr 2030 werden mindestens 2,9 Mio. barrierefreie Wohnungen benötigt. Um die bestehende und aufgrund der demografischen Entwicklung weiter zunehmende Versorgungslücke zu schließen, müssten pro Jahr mindestens 190.000 altersgerechte Wohnungen zusätzlich geschaffen werden.

Zahlen aus aktuelleren Erhebungen weisen darüber hinaus aus, dass ab 2035 rund 24 Mio. Menschen zur Altersgruppe 65 plus gehören werden. Das wären rund 6 Mio. mehr als heute. Wissenschaftler kommen demgemäß zu dem Schluss, dass bereits bis 2030 bundesweit rund 3 Mio. altersgerechte Wohnungen zusätzlich zu bauen sind. „Es ist deshalb notwendig, beim Neubau weiterhin den Fokus verstärkt auf das altersgerechte Bauen zu legen. Ein Großteil der erforderlichen Senioren-Wohnungen wird allerdings durch den Umbau vorhandener Wohnungen entstehen müssen: Deutschland steht vor einem neuen Baujahrzehnt des altersgerechten Sanierens“, sagt Stefan Thurn, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB).

Mikrozensus 2018: Erstmals Aspekte der Barrierereduktion im Fokus

Bis 2018 gab es kaum verlässliche Zahlen, wie viele Haushalte u. a. mit Personen der Altersgruppe 65 plus in barrierefreien bzw. -reduzierten Wohnungen leben. Mit dem Mikrozensus 2018 wurden nun erstmals Daten für alle Haushalte veröffentlicht – allerdings nach „subjektiver Einschätzung von Aspekten der Barrierereduktion“. Konzentriert man sich dabei auf die insgesamt rund 12,1 Mio. (von 12,7 Mio.) befragten Haushalte der Personengruppe „65 und älter“, dann geben 1,4 Mio. an, dass die drei Merkmale „stufen-/schwellenloser Zugang“, „ausreichende Durchgangsbreite der Haustür“ sowie „ausreichende Durchgangsbreite Flure“ allesamt auf die Gebäudesituation zutreffen. Bezogen auf die Wohnung ergaben sich im Zuge der gleichen Erhebung weitere interessante Einschätzungen; vgl. dazu das Schaubild unten. (Siehe außerdem Kapitel „barrierefreie bzw. -reduzierte Bäder“ in der Printausgabe bzw. demnächst in dieser Rubrik).

Altersgerechte Wohnungen
Tabelle: Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS)

Ging man für 2013 also noch von ca. 700.000 altersgerechten Wohnungen aus, liegt die Zahl der derzeit vorhandenen barrierereduzierten Wohnungen je nach Standpunkt nun tatsächlich deutlich darüber oder aber sogar noch darunter. Diese Diskrepanz liegt an den nach wie vor unterschiedlichen Definitionen von „seniorengerecht“, durch die es immer wieder zu genau diesen differierenden (Ein-)Schätzungen kommt bzw. kommen kann.

Abschließend gilt es zudem festzuhalten, dass das Vorhandensein von „seniorengerechten Wohnungen“ am Markt nicht zwangsläufig bedeutet, dass Senioren darin leben. Denn Barrierereduktion wird mittlerweile von allen Altersgruppen als Komfortmerkmal geschätzt. Nicht zuletzt auch aufgrund umfassender Aufklärungsarbeit verschiedener Institutionen der deutschen Sanitärwirtschaft, zu denen seit 2013 die Aktion Barrierefreies Bad gehört, ist barrierefrei ein wichtiges Attribut für moderne Bäder.


Nachhaltigkeit und Recherchequellen

Das Grundsatzpapier Demografischer Wandel: Altersgerechte Wohnungen – Barrierefreie bzw. -reduzierte Bäder – Pflegegerechte Bäder liegt in kleiner Auflage gedruckt vor. Außerdem steht es auf dieser Seite als pdf-Datei zum Download im Bereich Die VDS zur Verfügung. Ein jährliches Update der digitalen Fassung ist geplant. Stand der vorliegenden Ausgabe sowie der dort zusätzlich enthaltenen Recherchequellen sowie entsprechender Links ist Juli 2020 bzw. Januar 2020. Nachdruck nur mit Genehmigung der Herausgeber bzw. unter Quellenangabe VDS/ZVSHK.

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